Konrad Wolf – Kunst zwischen Antifaschismus, DDR-Gegenwart und Identität.

Oder wie man mit Filmen hartnäckig grübelt ...

© DDR TV ARCHIV

Im Oktober 2018 wird erstmals eine vollständige Kollektion mit allen 14 digital neubearbeiteten DEFA-Kinofilmen des Filmemachers erscheinen. Zweifellos gilt Konrad Wolf als Philosoph innerhalb des Ensembles bedeutender DDR-Regisseure. In seinen Filmen zeigt sich das nicht nur anhand seines Bewusstseins für die Tiefe und die Umfänge der behandelten Probleme, sowie die vielen konkreten und allgemeinen Schichten, in die sie hineinreichen. Vor allem zeigt es sich in seiner ständigen Suche nach den ästhetischen Formen, mit denen ein übergreifender roter Faden in sein gesamtes Werk eingewebt werden kann. Der Versuch einer filmischen Antwort auf diese dreidimensionale Komposition umfasst daher mindestens 14 Facetten mit Gemeinsamkeiten und Brüchen, sie lösten und lösen immer noch großes Lob und scharfe Kritik aus.

Der antifaschistische Diskurs leitet dabei den Großteil von Wolfs filmischem Schaffen an. Mit Hilfe unterschiedlicher Figuren findet der Einstieg in diese Auseinandersetzung aus ganz verschiedenen Blickwinkeln statt. 1955 gelangt so das Nachkriegsdrama Genesung in die Kinos, in dem sich Friedel Walter (Wolfgang Kieling) den DDR-Behörden stellt: er habe sich jahrelang fälschlich als Arzt ausgegeben! Die Aufarbeitung des Falls erzählt eine Geschichte, die zeigt, wie groß der Raum zwischen Lüge und Wahrheit eigentlich werden kann, wenn dazwischen Irrtümer und Kriegsgräuel klaffen. Die Romanverfilmung Lissy (1957) behandelt den zweifelhaften Sozialaufstieg einer jungen Frau (Sonja Sutter) mithilfe der Nationalsozialisten. Subjektiv bleiben Lissys Zweifel und das sie plagende Gewissen; das Thema aber ist viel allgemeiner: wie verhalten sich unpolitischer Opportunismus und politischer Erfolg des Nazi-Regimes zu einander? Die Verfilmung von Angel Wagensteins Drehbuch zu Sterne (1959) verlagert die Perspektive nun vom Mitläufer zum Täter und damit den humanistischen Konflikt mit dem nationalsozialistischen Rassismus hinein in das Leben des Wehrmachts-Offiziers und ehemaligen Kunststudenten Walter (Jürgen Frohriep), der sich in eine jüdische Gefangene verliebt. In Leute mit Flügeln (1960) trifft man auf den Funker Ludwig Bartuscheck (Erwin Geschonneck), der am Ende der Weimarer Republik vor die Wahl gestellt wird, seine kommunistische Überzeugung zugunsten einer sicheren Ausbildung zum Flugzeugkonstrukteur im Dienste der Nazis aufzugeben. Professor Mamlock (1961) ist eine einprägsame Warnung vor der hochmütigen Missachtung eines heranwachsenden totalitären und menschenfeindlichen Regimes. Die beiden Filme Ich war neunzehn (1967) und Mama, ich lebe (1976) stellen schließlich eine anregende Erweiterung des antifaschistischen Blickfeldes dar.

Bezüglich einer Auseinandersetzung mit der unmittelbaren DDR-Gegenwart sind insbesondere zwei Filme zu erwähnen. Der Arbeiterfilm Sonnensucher (1958) durfte wegen politischer Einsprüche erst 1972 öffentlich vorgeführt werden. Die konfliktdichte und realistische Erzählung spielt im Uranbergwerk »Wismut« – wegen der damals sich zuspitzenden globalen Diskussion um die atomare Aufrüstung von Ost- und Westmächten war die freizügige Sicht auf den Abbau und die Weiterverarbeitung des chemischen Elements plötzlich jedoch unerwünscht. Die Verfilmung von Christa Wolfs Roman Der geteilte Himmel (1964) ist eine zeitgenössische und kritische Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des geteilten Deutschlands auf die Lebensgeschichten der Betroffenen. Konrad Wolf konnte diese Auseinandersetzung gerade mit jenen filmischen Mitteln erweitern, die bewusst auf jede Schönfärbung verzichten. Auch dieser Film war bekanntlich ein dauerhafter Streitpunkt im öffentlichen Spielplan der DDR-Kinos, was sicherlich auch dazu beitrug, dass er heute zu den bekanntesten DEFA-Produktionen gehört.

Und wie steht es nun mit der Auseinandersetzung mit der Kunst und dem Subjekt? Da wäre etwa Konrad Wolfs Auftakt, die Komödie Einmal ist keinmal (1955) über den Musiker Peter Weselin (Horst Drinda). Dem Anschein nach ein harmloser Heimatfilm, der sich aber bald mit einigen satirischen Seitenhieben auf diese Heimat vom Genre emanzipieren will? Dass Wolfs stilistische Experimente sich sogar auf die Darstellung von Fantasiewelten beziehen, zeigt später die eindrucksvolle Verfilmung von Der kleine Prinz (1966) mit der Botschaft, dass Selbstbildung und -erkenntnis nicht ohne den Anderen, nicht ohne das Zwischenmenschliche erfolgen können. In der Hauptrolle des Prinzen ist seine damalige Frau Christel Bodenstein zu sehen. Apropos komplexe Selbsterkenntnis: In Goya – oder: Der arge Weg der Erkenntnis (1971) wird die Lebensgeschichte des berühmten spanischen Malers zum zeitlosen Porträt wechselseitiger Spannungen zwischen gesellschaftlichen Verpflichtungen, Wünschen und Sehnsüchten. Die Frage nach der gesellschaftlichen Rolle der Kunst und des Künstlers wird von Wolf 1973 im Gegenwartsfilm Der nackte Mann auf dem Sportplatz fortgesetzt und unmittelbar auf die zeitgenössische Ebene übertragen. Der oft missverstandene Bildhauer Kemmel (Kurt Böwe) löst mit seinen Werken nicht nur Ablehnung, sondern oft auch Peinlichkeit aus. Frech und emanzipatorisch beendet Konrad Wolf sein Werk der DEFA-Kinofilme mit Solo Sunny (1979). Direkt und mit spitzzüngiger Spontaneität kämpft Sängerin Ingrid (Renate Krößner) für ihren eigenen Lebensweg.

Letztlich wird deutlich, dass alles, was Konrad Wolf behandelt, irgendwie in einem unauflöslichen Zusammenhang stehen soll, oder wie Rolf Richter einmal vermutete: »Kontinuität ist bei ihm ein komplizierter Prozeß der künstlerischen Entwicklung …« Antworten dazu gibt es inzwischen viele. Doch nichts war für den Filmemacher wirkungsvoller, als dem Zuschauer nur genau so viel mitzugeben, wie er auch braucht, um sich selbst für eine Antwort zu qualifizieren. Das in etwa entspräche dann wohl der besten Empfehlung für diese Filmkollektion: Urteilen Sie selbst!

Autor: René Pikarski (DEFA-Stiftung)

Hier geht es zur Konrad Wolf Gesamtedition