Die kleine Kolumne

Von sprechenden Tieren, Hexen, Prinzessinnen, tapferen Prinzen und wundersamen Abenteuern

Die Prinzessin mit dem goldenen Stern 1959

Märchen begleiten mich seit Kindertagen. Die ersten erzählte mir
meine Oma.Denke ich an unsere Märchenstunden morgens im Bett,
ich war vielleicht vier, fällt mir sofort »Der kleine Häwelmann« ein.
Wie er mit seinem Rollbettchen auf einem Mondstrahl durchs
Schlüsselloch aus dem Zimmer fährt und am Himmel umhersaust
hat mich sehr beschäftigt. Wenn das Mondlicht auf mein Bett fiel,
versuchte ich mir vorzustellen, wie das geht. Diese wundersame
Gute-Nacht-Geschichte schrieb Theodor Storm 1849 für seinen Sohn.
Natürlich hatte meine Oma auch Klassiker wie »Der Wolf und sieben
Geißlein« und »Rotkäppchen« im Repertoire. Meine erste Lektüre,
als ich selbst lesen konnte, waren »Die Kinder- und Hausmärchen
der Brüder Grimm«. Die Bücher sehen ziemlich zerlesen aus.

Ich war und bin ein Märchennarr.


In den letzten Jahren habe ich viel über Märchenfilme geschrieben. Ich traf Prinzessinnen und Prinzen, die mein Kinderherz erobert hatten. Die tschechische Schauspielerin Marie Kyselková, die liebreizende »Prinzessin mit dem goldenen Stern«, lernte ich in Prag zusammen mit ihrem Märchenprinzen Josef Zíma kennen. Zwei Menschen, die genauso sympathisch sind wie in ihren Rollen. Schmunzelnd erzählte mir die heute 80-jährige. »Ich wollte im Film so gern einen Kuss von Josef, aber Regisseur Martin Fric ließ sich darauf nicht ein.« Erst ganz zum Schluss gestattete er den beiden einen Hochzeitskuss.

Das poesievolle Märchen, dem sein Regisseur keine große Bedeutung zumaß, ist in Tschechien Kulturerbe und dort wie in Deutschland nicht weniger Kult als Václav Vorličeks Adaption von Božena Nĕmcovás Geschichte »Drei Haselnüsse für Aschenbrödel«. »Wenn ich unseren Film sehe« sagte Marie Kyselková, »ist immer die Szene, in der wir die Ringe tauschen und uns Treue schwören, für mich der wichtigste Moment. Er weckt dieses wunderbare Gefühl des Wohlbefindens. Es ist eine starke Liebe vor der Kamera, die ans Herz geht.« Und darin liegt wohl der Sinn der Märchen, weshalb wir uns so gern hineinziehen lassen in ihre verwunschene Welt.

Doch wer hat die Geschichten von Liebe, Abenteuer, Verwandlungen, von sprechenden Tieren, Drachen, Hexen, Prinzen und Feen… erfunden? Schon unsere Vorfahren schufen in ihrer Fantasie mächtige Wesen, gute und böse Geister, mit denen sie Ereignisse ihrer Umwelt zu erklären suchten. In der Zeit des Mittelalters bestimmten Armut, Not, Hunger und Krieg das Leben der Menschen, was sich in den Märchen spiegelt. Immer geht es um den Kampf Gut gegen Böse, verwoben mit der Sehnsucht nach Wohlstand, Glück und Gerechtigkeit. Wie nah lag es da doch zu wünschen, es käme eine gute Fee und verwandele Haselnüsse in schöne Kleider oder man fände ein »Tischlein deck dich«.Hänsel und Gretel 1954

Es waren sogenannte Hungermärchen, die man sich in Spinnstuben und Wirtshäusern erzählte. Eins der bekanntesten ist »Hänsel und Gretel«. Die ursprünglichen Märchen waren – wie die Welt, in der sie entstanden – alles andere als romantisch. Dass sie uns dennoch romantisch erscheinen, verdanken wir den Brüdern Grimm. Sie haben die Märchen zu dem gemacht, was sie heute sind: eine Literatur für Kinder. Was nicht vorgesehen war. Vielmehr sollten große Leute durch die Texte wieder zur kindlichen Poesie finden. Jacob Grimm notierte für die erste Auflage der »Kinder und Hausmärchen« 1812:


»Das Märchenbuch ist mir daher gar nicht für Kinder geschrieben, aber es kommt ihnen recht erwünscht, und das freut mich sehr.« In späteren Ausgaben tilgten sie vieles, was an Hunger und Schrecken des armen Lebens heranreicht und für Kinderträume wenig Platz ließ. So kommt es, dass die Märchen, wie wir sie kennen, stets glücklich enden.

»Schneewittchen«, dem die Stiefmutter nach dem Leben trachtet, erlangt durch die Liebe eines jungen Königs das Leben zurück.
»Aschenputtel« bekommt trotz aller Intrigen von Stiefschwestern und Stiefmutter den Prinzen. Ein Kuss erweckt »Dornröschen« aus seinem 100-jährigem Schlaf. »Rotkäppchen« wie auch die »sieben Geißlein«
werden aus dem Bauch des bösen Wolfs befreit…

 

Mit den Märchen halten wir einen großen Schatz in den Händen.
Reichen wir ihn weiter an unsere Kinder und Enkel.                     

 

Autor: Bärbel Beuchler
Webseite: www.prominentimostblog.com

Bei Anregungen und Wünschen kontaktieren Sie uns bitte unter spondo@spondo.de oder unter www.prominentimostblog.com

 

Hier geht es zur Märchenwelt